Mülheim am Meer
Das Projekt
Grundsätzliches
Jede Stadt ist voller Erinnerungen und Geschichten - den Alltagsgeschichten der Menschen, die jenseits von großen politischen Ereignissen oder Jahreszahlen die wirkliche Geschichte einer Stadt erzählen: Über ihre Vergangenheit und deshalb auch über ihre Zukunft. Oder wie es der dänische Philosoph Kierkegaard ausdrückte: Unser Leben muss vorwärts gelebt, kann aber nur rückwärts verstanden werden.
Liest man die üblichen Geschichtsdarstellungen, so könnte man glauben, Geschichte spiele sich zwischen einigen Dutzend Leuten ab, die die Geschicke eines Landes oder einer Stadt lenken - und deren Entschlüsse und Taten das ergeben, was später Geschichte heißt. Doch diese Art von Geschichtsdarstellungen zeigt höchstens den Umriss der Dinge, nie die Dinge selbst. „Es ist erfahrungsgemäß tausendmal leichter“, schrieb Stefan Zweig, „die Fakten einer Zeit zu konstruieren, als ihre seelische Atmosphäre. Sie findet ihren Niederschlag nicht in den offiziellen Geschehnissen, sondern am ehesten in den kleinen, persönlichen Episoden.“
Wer Geschichte begreifen will, muss fragen, wie die Menschen lebten, was sie fühlten, wovor sie Angst hatten, womit sie sich arrangierten, was sie begehrten, woran sie sich erfreuten. Erinnerungen an Tanzstundenkavaliere und heimliche Liebesbriefe, an stolze Bergleute, Staublungen und Brieftauben, an Ledergeruch und Hochöfen, an Armut oder Überfluss, an Verhöre, Stillschweigen und die Nazi-Diktatur, an Mut und Widerstand, an Fremde, Verwandte, Freunde, an Flucht und Ankommen... Wer Geschichte begreifen will, muss auch wissen, wie die Menschen heute leben.
Geschichte ist ein Chor aus vielfältigen Stimmen, aus unterschiedlichen Sprachen, aus harmonischen und dissonanten Tonlagen; Geschichte braucht Zeit, zuzuhören.
Die bisherige Arbeit
Diesen Fragen und diesem Zuhören hat sich das im Herbst 2007 gestartete Projekt „Mülheim am Meer“ verschrieben. Initiiert vom „Theater an der Ruhr“ sollten Geschichten und Erinnerungen von Mülheimer gesammelt werden Material für ein zum Stadtjubiläum und zu den „Weißen Nächten“ 2008 geplantes Theaterstück. Während der „Weißen Nächte“ 2007 wurden die Mülheimer Bürger und Bürgerinnen mit einem „Blauen Brief“ erstmals über das Vorhaben informiert und zur Mitarbeit eingeladen. Im November 2007 wurde ein Projektladen in der Innenstadt eröffnet Mülheim am Meer machte sich in der Stadt sichtbar. Wenig später folgten Briefkästen, die von Kindergärten, Jugendzentren und Altenheimen gestaltet und an öffentlichen Orten aufgestellt wurden. Sie erinnerten an die Aufforderung, Geschichten zu schreiben und zu schicken. Gleichzeitig haben wir mit zahlreichen Mülheimern biographische Interviews geführt. Bei allen Aktivitäten ging es uns nie um objektivierbare Geschichte, sondern um den Ort des einzelnen Menschen in der Geschichte. Um seinen eigenen Platz.
Nach und nach kamen immer mehr Menschen in den Projektladen an der Leineweberstraße. Anfangs, um nur einmal zu schauen: Was ist „Mülheim am Meer“?, was sind das für Leute? Dann brachten sie Geschichten und, wenn sie Vertrauen gefasst hatten, auch Fotos, Tagebücher, Briefe und andere Gegenstände von großem persönlichem Wert. Materialien, die nun in Hunderten von mit Namen versehenen Mappen oder Kartons im Projektbüro lagern und erst teilweise auf dieser Homepage dokumentiert sind. Auch zahllose biographische Interviews müssen noch bearbeitet oder fortgeführt werden.
Neben der Suche nach und der Bearbeitung von Geschichten und Materialien hat das Projekt „Mülheim am Meer“ auch schon eine Reihe von Lesungen veranstaltet: Zum Beispiel eine Lesung aus eingereichten und von uns abgeschriebenen Briefen und Tagebüchern - oder die Lesung der Lebenserinnerungen von Emmi Hoffmann aus Mülheim-Menden: Eine Pastorin hatte die Geschichten kurz vor Emmi Hoffmanns Tod von dieser erhalten - mit der Bitte, sie eines Tages den „richtigen Leuten“ zu geben. Zur Lesung, die im Haus Jugendgroschen stattfand, kamen 130 Leute aus dem Stadtteil und die beiden Söhne aus Dachau und Mainz. Emmi Hoffmanns Erinnerungen finden Sie übrigens unter dem Menüpunkt „Lebenswege“.
Die Gegenwart
Längst ist der Projektladen ein Treffpunkt und ein Gesprächszentrum geworden - um auf einen Kaffee vorbeizuschauen, um Geschichten weiter zu erzählen, um Fundstücke abzuliefern, um Kontakte zu anderen Mülheimern zu knüpfen. Mancher ist durch die Anregung und die Unterstützung des Projektes zum privaten Familienforscher geworden, andere sind durch die hartnäckige Befragung mit ihren persönlichen Leerstellen, ihren Tabus konfrontiert worden zum Beispiel bei der Rolle der Eltern während des Nationalsozialismus. Im Projektladen finden die Menschen Zeit und Aufmerksamkeit für ihre Geschichten, beim Erzählen sortieren sie ihr Leben, das Zuhören bedeutet Zeugenschaft, Anteilnahme, Austausch. Im Laufe der Zeit ist das Projekt „Mülheim am Meer“ weit über das ursprüngliche Ziel hinausgewachsen.
Anlässlich der diesjährigen „Weißen Nächte“ fand eine erste große Präsentation des Materials statt. Mehr als 1000 Fotos aus privaten Fotoalben haben wir zu einem labyrinthartigen Fotoband verarbeitet; auf die zu einer altmodischen Bibliothek umgestalteten Probebühne des Theaters an der Ruhr haben wir zu Lesungen und Gesprächen eingeladen; im Foyer wurden verschiedene Filme gezeigt, in denen sich Menschen gemeinsam an Ereignisse aus der Mülheimer Geschichte erinnerten.
Fotos von den Weißen Nächten gibt es unter dem Menüpunkt „Fotogeschichten“.
Zukunftsideen
So wie sich das Projekt „Mülheim am Meer“ entwickelt hat, waren die „Weißen Nächte“ kein Abschluss, sondern nur eine Zwischenstation. Das Material muss weiter bearbeitet und archiviert, aber auch vertieft und ergänzt werden: Einzelne Familiengeschichten sollten gründlicher recherchiert, einzelne Zeiträume tiefergehend beschrieben, Themen (zum Beispiel die Rolle der Freikirchen) weiter verfolgt werden. Das Projekt ist ein Generationenprojekt, das über Kontinuitäten Auskunft gibt, über Verbindungslinien, wo wir in der üblichen Geschichtsschreibung sonst nur Zahlen und Schnitte finden.
Nach dem bisherigen Stand will das Theater das Projekt bis Ende November auslaufen lassen. Wir würden die Arbeit aber gerne fortsetzen die Interviews, den Ansporn zum Selberschreiben, die Lesungen - und gleichzeitige neue konkrete Ziele verwirklichen:
- Ein dickes, kommentiertes Lesebuch aus den Geschichten und Fundstücken der Mülheimer;
- die Realisierung eines DVD-Projektes zur Mülheimer Stadtgeschichte aus privatem Filmmaterial;
- die Einbindung von Schülerinnen und Schülern als Geschichtenscouts, damit nicht nur ältere, sondern auch junge Menschen ihre Erinnerungen und Wahrnehmungen einbringen;
- eine Geschichts-Theaterrevue.
Und wir würden gerne ein Symposium organisieren, um mit Universitäten und Theatern erstens darüber nachzudenken, was Erinnerung bedeutet, wie sie sich konstruiert, wie sie für Geschichtsschreibung genutzt werden kann und zweitens darüber, welche anderen Möglichkeiten es gibt, mit dieser Art von recherchiertem Material umzugehen. Nachfragen und Angebote von entsprechenden Stellen gibt es schon.
Schlussbemerkung
Zahlreiche Mülheimer haben uns in den vergangenen Wochen ihre Zuneigung gezeigt und ihre Unterstützung angeboten. Wir sind deshalb zuversichtlich, einen Weg zur Fortführung des Projektes zu finden. Viele Menschen wünschen sich das. Unter dem Menüpunkt „Dankeschön“ können Sie eine kleine Auswahl aus Briefen an die Oberbürgermeisterin oder die lokalen Zeitungen lesen. Wie Sie diesen Briefen entnehmen können, haben die Bürgerinnen und Bürger der Stadt das Projekt „Mülheim am Meer“ längst zu ihrer eigenen Sache gemacht.
Auf unserer Homepage werden wir Sie laufend über den Fortgang des Projektes informieren, eine Auswahl von Fundstücken und Geschichtsfragmenten veröffentlichen und mit immer neuen Bildern und Texten überraschen. Dort können Sie auch Kontakt mit uns aufnehmen, uns einen Tipp oder gleich eine Geschichte schicken, uns zum Gespräch einladen ... Oder Ihre praktische Hilfe anbieten - als Geschichtensammler für das Projekt "Mülheim am Meer".
Sie können uns unter der Telefonummer 0208 - 94139977 erreichen und von Dienstags bis Donnerstags zwischen 12.00 und 18.00 Uhr auch persönlich in unserem Projektladen an der Leineweberstraße 54 antreffen.
Auf Wunsch wird übrigens jedes Material anonym behandelt.
Mülheim am Meer
Ein Projekt des Theater an der Ruhr
Projektleitung: Gabriele Gillen
Assistenz: Seta Guetsoyan
Internetauftritt: Michael Gayler
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