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Was ist Erinnerung?

Wir alle kennen die "Blindheit des gelebten Augenblicks", wie es der Philosoph Ernst Bloch ausdrückte: Dann, wenn wir eine Entscheidung treffen oder einem neuen Menschen begegnen, wissen wir oft noch nicht, dass eben diese Entscheidung oder eben diese Begegnung in der Rückschau einmal besonders wichtig werden würde. Vieles, was wir erleben, ist banal und erhält, wenn überhaupt, seine Bedeutung erst, wenn wir dem Geschehen nachträglich Bedeutung zuschreiben. Aus der Unzahl der gelebten Augenblicke verdichtet sich nur eine kleine Auswahl zur Erinnerung. Anders ausgedrückt: Erinnerung verdichtet das Leben zu einem Film, in dem wir selbst die Regie führen. Erinnerung protokolliert nicht und fasst nicht sachlich zusammen, sondern sie bewertet jedes Ereignis mit dem Gewicht unserer Emotion.

So gibt es, genau gesehen, keine gemeinsamen Erinnerungen, denn Erinnerungen sind nicht nur an das faktische Geschehen gebunden, sondern mehr noch an unsere individuellen Gefühle, damals und heute. Erinnerung ist die Behausung für unser gegenwärtiges Selbst, denn "wir sind Erinnerung", wie es der amerikanische Neurowissenschaftler Daniel L. Schacter formulierte; in der Erinnerung stellen wir so etwas wie ein Ich her.